SPIRITUALITÄT

Ich bin der Weinstock (Joh. 15,5)

Wein – so alt wie die Menschheit?

Wein ist ein uraltes Kulturgut. Seit frühesten Zeiten haben Menschen den Wein angebaut, ihn kultiviert, ihn bei Festen und Feiern getrunken, und nicht zuletzt auch seine berauschende Wirkung erleben müssen. All dies findet sich auch in den Schriften der Bibel wieder. So greift auch Jesus in seiner Verkündigung das Bild vom Weinstock auf, um damit ein schönes Thema anzusprechen: die Verbundenheit mit Gott.

 

Verbunden oder getrennt

Das Thema der Bildrede vom Weinstock ist eigentlich eindeutig. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Und nur wenn ihr in mir bleibt, könnt ihr reiche Frucht bringen.

Natürlich, wenn ich die Trauben abschneide, können sie nicht mehr weiterwachsen, sondern vertrocknen. Und wenn ich mich bei einer Bergwanderung vom Seil des Bergführers löse, kann es sein, dass ich abrutsche und schlimmstenfalls abstürze. Es scheint also sinnvoll zu sein, mit dem Weinstock oder dem Seil des Bergführers verbunden zu bleiben.

 

Communio – Verbindung mit Christus

Christus spricht in seiner Bildrede nun die Verbindung zu ihm an. Nur wenn ihr in mir bleibt, könnt ihr reiche Frucht bringen. Wie sieht diese Verbundenheit mit Christus aus.

Geistliche Übung: wie würden Sie Ihre Verbundenheit mit Christus beschreiben? Gebet, Zeit für ihn haben, nach seinen Geboten leben …?

 

Communio an Bedingungen geknüpft?

Jesus selbst beschreibt, wie die Verbindung mit ihm aussehen könnte. Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben. Der Satz erinnert mich an Schulzeiten: Wenn ihr artig seid, dann lese ich euch etwas vor. Wir müssen als Schüler also in Vorleistung gehen, bevor wir etwas vom Lehrer bekamen. Ist das bei Gott auch so? Müssen wir uns seine Gnade erst verdienen?

 

Gott macht den ersten Schritt

Die Bibel kennt eine andere Reihenfolge:

– Berufungserzählungen: Gott beruft. Dann kommt die Geschichte mit dem Berufenen; und trotz aller Misserfolge macht Gott seine Berufung nicht rückgängig.

– Herrschen und dienen: Jesus spricht nicht nur vom Dienen, er handelt als erster so (Fußwaschung); dazu Gedicht von Goethe: Legende.

– Vergeben: Jesus geht auf die Menschen zu, und dies ändert das Leben der Menschen radikal. Beispiel: Zachäus.

Nicht der Mensch geht also in Vorleistung, sondern Gott. Ein zuvorkommender Gott.

 

Freude am Evangelium

Vor einigen Jahren hat Papst Franziskus ein Apostolisches Schreiben herausgegeben. Titel: Freude am Evangelium. Ich habe es sehr gern gelesen. Allein die Bildersprache des Papstes hat mich beeindruckt. „Die Kirche ist nicht Zollstation, sondern Vaterhaus.“ Und an anderer Stelle „Die Kirche ist ein Haus mit offenen Türen.“ Offene Türen – damit meint der Papst nicht nur die Kirchentüren, sondern offene Türen für die Menschen, und offen für die Sakramente der Kirche. Sakramente sind nicht Belohnung für ein gutes Leben, sondern Stärkung für die Schwachen. Es ist also umgekehrt: nicht wir müssen in Vorleistung gehen, sondern Gott gibt seine Liebe unverdient und ungeschuldet. Er will also, dass wir am Weinstock bleiben und so mit ihm in Verbindung blieben.

 

Bleibt in meiner Liebe

In seiner ersten Enzyklika schreibt Papst Benedikt XVI. über die Liebe. Dabei unterscheidet er zwei Arten der Liebe. Die eine Art ist eine Liebe, die schnell auflodert, dann aber ebenso schnell wieder verlischt. Die andere Art der Liebe wächst langsam, ist dafür aber lang anhaltend und beständig. In seiner Bildrede vom Weinstock fordert Jesus uns auf, nach dieser bleibenden Liebe zu suchen.

 

Espresso umsonst

In Neapel gab es einmal eine schöne Gewohnheit. Wenn jemand besonders gut aufgelegt war und in einer Bar einen Espresso trank, zahlte er zwei statt einen. Der zweite Kaffee war für einen Gast reserviert, der nach ihm kommen würde, und der ihn nicht bezahlen konnte. Also eine Geste der Menschlichkeit.

Ich kann mir gut die Überraschung vorstellen, wenn jemand einen Espresso trinken möchte und ihn nicht bezahlen muss. Überraschungen dieser Art verändern das Leben und bringen Licht in den oft trüben Alltag. In der Bibel kann man oft von solchen Überraschungen lesen.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es hier zu keiner direkten Begegnung zwischen dem Spender und dem Empfänger kommt. Der Arme weiß nicht, bei wem er sich bedanken soll. Das erinnert mich an die Vorschriften zur Nächstenliebe im alten Judentum. Da gibt es einen Raum mit zwei Türen. Durch die eine Tür kommen die Geber herein und legen ihre Gaben ab. Nachdem sie weggegangen sind, kommen die Armen durch die andere Tür und empfangen die Gaben. Dadurch entsteht keine Abhängigkeit. Ein Akt der Würde für den Empfänger.

Doch auch der Geber weiß nicht, wer seinen Espresso bekommt. Vielleicht ein freundlicher Mensch, vielleicht aber auch ein ganz unsympathischer Typ. Und trotzdem bekommt er die Zuwendung. Diese Geste atmet für mich eine Weite, die ich großartig finde. Das erlebe ich bei Gott. Er macht seine Zuwendungen nicht abhängig von Sympathie oder Dankbarkeit. Er verschenkt einfach. Ein großzügiger Weinstock.

 

Prälat Dr. Stefan Dybowski

 

09.09.2022   Monatsvortrag St. Franziskus-Krankenhaus, Berlin-Tiergarten

20.09.2022   Monatsvortrag Kloster St. Augustinus, Berlin-Lankwitz

 

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