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„Unter der Asche ein heimliches Feuer“ (Teil 2)

In diesem 2. Artikel über das Buch von Sr. Joan Chittister möchte ich Sie dazu einladen, über die Ordensgelübde nachzudenken, und zwar speziell über das Gelübde der Keuschheit, welches Sr. Joan im Kapitel 11 ihres Buches im Kontext von Sexualität, Vollkommenheit und Hingabe beschreibt.

Sr. Joan hat diesem Kapitel den Titel „Ruf nach Liebe“ gegeben. Und wieder muss ich sagen, dass diese Seiten, wie das gesamte Buch, eine Art Sprengstoff sind, eine Herausforderung und Provokation, die zum Überdenken bisher gelebter und geglaubter Grundsätze zwingen. Doch wer sich dieser Herausforderung stellt, kann gerade in diesem oft als Einengung gesehenen Gelübde eine Weite und Befreiung erfahren, die das Leben bereichert und lebenswert macht.

Sr. Joan beschreibt u.a., wie Keuschheit über Jahrhunderte hindurch, besonders in Frauen-gemeinschaften gelebt und verstanden wurde: „Das Ordensleben wurde zu einer Übung der Entkörperlichung, zu einer Spiritualität der Geschlechtslosigkeit, der Distanz, der Sicherheit und Angst…  In einem solchen Klima stand die Begegnung zwischen den Personen ganz unten auf der Leiter spiritueller Entwicklung. Freundschaften in den Gemeinschaften beschränkten sich auf flüchtige Kontakte… Das Leben war da, um verneint zu werden… Arbeit ersetzte menschliche Beziehungen. Das Gemeinschaftsleben wurde ein Leben, in dem Fremde lernten, miteinander einsam zu sein.“

Die Autorin beschreibt die Situation, wie sie bis vor wenigen Jahrzehnten in den meisten Frauengemeinschaften üblich war. Und auch wenn wir, spätestens seit dem 2. Vatikanum versuchen, uns für eine neue und zeitgemäße Ordenstheologie zu öffnen und unsere Konstitutionen und Lebensregeln dahingehend zu überarbeiten, ist dieses jahrhundertealte Denken in unseren Köpfen noch vielfach festgeschrieben. Und ein überliefertes Denkmuster, eine Mentalität zu ändern, gehört zu den schwierigsten und langwierigsten Aufgaben und Herausforderungen.

Doch die Autorin zeigt auch auf, welche Vision sie für das Leben als Ordensfrau hat und wie es gelingen kann, Keuschheit, Sexualität, Liebe und Liebesfähigkeit im Ordensleben zu integrieren: „Eine Keuschheit, die Liebe und Freundschaft unmöglich macht, die der Privatsphäre misstraut und persönliche Gefühle nicht zulassen will, verfehlt den Sinn von Keuschheit. Bei der Keuschheit geht es nicht darum, nicht zu lieben. Sie lehrt uns, gut zu lieben, großherzig zu lieben, schwungvoll zu lieben.“ Und an anderer Stelle: „Die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen, ist ein Geschenk. Wenn sie beschnitten … wird, treibt sie Menschen in die Enge. Wird sie freigesetzt, bekommt die Seele Flügel…. Ohne Liebe siecht das Leben dahin und lässt uns mit leeren Händen zurück.“

In diesem Zusammenhang fiel mir ein Treffen mit Mitschwestern ein, bei dem es um das Thema Keuschheit und Sexualität im Ordensleben ging. Wir sprachen darüber, dass unser Leib, ja unsere Sexualität eine Gabe Gottes sind, nichts Unsauberes und Schlechtes und dass auch wir als Ordensfrauen uns dieser Gaben bewusst werden müssen. Auch wenn wir die Sexualität nicht ausleben, müssen wir sie annehmen und ihre Energie, Zärtlichkeit und Liebesfähigkeit kanalisieren und all den Menschen zukommen lassen, denen wir dienen. So hilft und befähigt sie uns, uns selbst und die anderen zu lieben, ohne uns dabei an eine Person zu binden. Für viele Schwestern (alle schon im fortgeschrittenen Alter) war das eine Offenbarung und Befreiung. Eine Schwester sagte: Das hätte man uns schon vor Jahren sagen müssen.

Sr. Joan hat dies auf den Punkt gebracht: „Liebe ohne sexuelle Praxis, wunderbar auf Grund ihrer unermüdlichen Aufmerksamkeit, lehrt uns die Schönheit der liebenden Seele und die Erfüllung, die das Überschreiben des Selbst, des Ich-bin, um der anderen willen begleitet. Keuschheit ohne Liebe zu lehren heißt so viel wie spirituelle Übungen ohne Gott zu vermitteln.“

Mit dem Anfangszitat des Kapitels 11 „Ruf nach Liebe“ will ich meine Ausführungen beenden. Dieses Zitat von Henry Ward Beecher fasst meines Erachtens nach alles zusammen, was die Autorin zu dem Thema geschrieben hat: „Ich wusste nicht, wie man Gott verehren und anbeten sollte, bis ich wusste, wie man liebt.“

Ich hoffe, ich habe wenigstens in einigen von Ihnen den Wunsch geweckt, das Buch von Sr. Joan nicht nur in Ausschnitten, sondern ganz zu lesen. Es lohnt sich, auch wenn es uns zunächst unruhig macht. Aber es führt weiter, erweitert den Horizont und lässt uns etwas von der Schönheit des Ordenslebens erahnen, was wir in unserem Alltag oft übersehen bzw. nicht sehen können, weil seine Schönheit verkrustet und unter der Asche verborgen ist. Möge das Buch uns dabei helfen, die Glut, ja das Feuer in uns neu zu entfachen!

 

Sr. Petra Ladig

 

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