NACHRICHTEN

Freund des Bräutigams

Der heilige Johannes der Täufer ist einer der wenigen Heiligen, der in der Liturgie mehrfach erwähnt wird. Im Kirchenjahr feiern wir sowohl seine Geburt – 24. Juni – als auch sein Martyrium – 29. August. Er ist auch, zusammen mit Maria, eine der Hauptfiguren in der Adventszeit….

Die Evangelisten erwähnen die Geschichte seiner lang erwarteten Geburt, die von Zeichen der Kraft aus der Höhe begleitet wurde (Lukas 1,5 – 25. 39 – 40; 57 – 80). Wir sehen Johannes am Jordan, wie er lehrt, die Taufe der Bekehrung vollzieht und auf den Messias hinweist (Lukas 3,1 – 18; Matthäus 3,1 -12; Markus 1,1 – 8; Johannes 1,19 – 31). Er selbst bekennt, dass er nicht der Messias ist und bezeichnet sich als „die Stimme eines Rufers in der Wüste“. Als Vorläufer des Erlösers und letzter der alttestamentlichen Propheten, der sich ganz der ihm anvertrauten Mission widmet, wird er Zeuge der Offenbarung der drei göttlichen Personen bei der Taufe Jesu im Jordan (Lukas 3,21-22; Matthäus 3,13-17; Markus 1,9-11; Johannes 1,32-34). Er ist der Größte der von einer Frau Geborenen, wie ihn Jesus selbst beschrieb. Dieser Prophet ist ein sehr bescheidener Mann. Obwohl er aus einem priesterlichen Geschlecht stammt, lebt er ein einfaches, radikales, asketisches Leben. Als Gottes Nasiräer isst und kleidet er sich bescheiden. Er zieht sich in die Wüste zurück. Sein Lebensstil scheint nicht sehr anziehend gewesen zu sein. Und doch fühlten sich „das ganze Land Juda und alle Bewohner Jerusalems zu ihm hingezogen“. Als es im Zusammenhang mit dem Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu zu Streitigkeiten und Spekulationen über Johannes kommt, bezeichnet er sich als Freund des Bräutigams und kündigt sein Ende an: „Es ist notwendig, dass Er zunimmt und ich abnehme“. (Joh 3, 29 – 30).

Die Gestalt des heiligen Johannes des Täufers ist dem geweihten Leben sehr nahe. Heute sind wir ein Zeichen für die Welt, wenn wir die Sendung leben, zu der der Herr uns berufen hat. Durch Gelübde und Gemeinschaftsleben zeigen wir, dass es möglich ist, trotz Unterschieden in Alter, Charakter, Interessen und Fähigkeiten zusammen zu sein. Im Hinblick auf unser einfaches Leben in Keuschheit, Armut und Gehorsam, welches wir aus Liebe zum Bräutigam leben, können die Menschen die Nähe Gottes im Alltag finden und sich trotz vieler schwieriger Erfahrungen für seine Gnaden in der Kirche öffnen. Die prophetische Dimension unseres Lebens hilft, den Primat Gottes im Gehorsam gegenüber seinen Geboten und die Aktualität des Evangeliums zu erkennen. Durch ein Leben in Keuschheit zeigen wir den Laien den Wert der Treue in der Familie, in der Ehe und die Würde jeder menschlichen Person. Das Leben in Armut hingegen lenkt den Blick der Menschen auf Gott, die Quelle allen Guten. In diesem Lebenszeugnis stärken wir uns auch gegenseitig in der Gemeinschaft. Johannes der Täufer bildete, obwohl er scheinbar ein Einzelgänger war, eine Gemeinschaft mit seinen Jüngern. Er hat sie nicht an sich gebunden, sondern sie zu Jesus geschickt. Einige von Johannes‘ Jüngern wurden später Apostel.

Wenn ich die Figur Johannes des Täufers betrachte, fällt mir besonders das Thema der Ermahnung auf. Es sind die Mahnungen an Herodes, die Eifersucht und Wut der Herodias und die Naivität und Demoralisierung der jungen Salome, die zum Tod des Propheten führen (Mt 14,1-12; Mk 6,17-29). Andere zu ermahnen, kann manchmal einen sehr hohen Preis haben, selbst wenn wir es aus Sorge um das Gemeinwohl, um das Wohl der ermahnten Person tun. Johannes war nicht der einzige, der einen Herrscher ermahnte, viele Propheten taten dies. In der Regel war die Ermahnung mit einer ungünstigen Reaktion der Adressaten verbunden. König David reagierte ausnahmsweise auf die mahnenden Worte des Propheten Nathan, als er nach der Sünde mit Batseba und der Ermordung ihres Gattem Uria durch die Ammoniter, das Gleichnisses vom reichen Mann, der dem armen Mann das einzige Lamm wegnimmt, hörte, verstand,  Buße tat und sich um Umkehr bemühte ( 2 Sm 12,1 – 16). Vieles hängt vom Herzen ab. Die Warnung aus dem Buch der Weisheit hat sich in beiden Fällen bewahrheitet: „Tadle nicht den Spötter, damit er dich nicht hasst; tadle den Weisen, und er wird dich lieben“, (Weish 9,8). Jesus selbst lehrt uns die brüderliche Zurechtweisung, indem er uns die Reihenfolge der Handlungen vorgibt: zuerst unter vier Augen, dann vor Zeugen und schließlich durch Vorgesetzte (Mt 18,15-20). Wie wichtig ist es, diese Reihenfolge in der Praxis der Ermahnung zu beachten, die ja nie angenehm ist. Sie erfordert Mut und Sanftmut, Demut und Liebe, Klarheit im Ausdruck, Konkretheit im Bezug auf die Fakten und Respekt vor dem Ermahnten. Wir kennen aus dem Katechismus die Werke der Barmherzigkeit für den Leib und für die Seele. Jedes von ihnen hat einen großen Wert in den Augen Gottes. Die Sünder zu ermahnen ist das erste der Werke der Barmherzigkeit gegenüber der Seele – vielleicht das schwierigste. Leider kann die Unterlassung uns mitschuldig an den Sünden anderer machen, worüber der Katechismus auch spricht, z.B.: schweigen, wenn man die Sünden anderer sieht; die Sünden anderer zulassen; sich nicht bemühen, die Sünden anderer zu verhindern. Auch in unseren religiösen Schriften ist von Ermahnung die Rede.

Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe ich immer wieder gelernt, wie wichtig eine liebevolle Korrektur bei der Betreuung von Schülern ist. Mir fällt auch eine schöne Eigenschaft von jungen Menschen auf, die wir im Alter oft verlieren – ihre Offenheit für freundliche Hinweise ihres Betreuers und ihre Fähigkeit, sich zu verändern. Dadurch verstehe ich die Worte des Herrn Jesus besser, in denen er uns Kindern als Vorbild im Glauben und Vertrauen auf Gott gibt (Mt 18, 3). Wenn wir schließlich zu Johannes dem Täufer zurückkehren, kommt uns dieses Wort von Jesus in den Sinn: „Unter denen, die von Frauen geboren sind, ist kein Größerer als Johannes der Täufer. Aber der Geringste im Himmelreich ist größer als er.” (Mt 11,11). In diesen Worten liegt die Hoffnung für uns…

Sr. Michaela Musiał

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