NACHRICHTEN

Nachdenken über den heiligen Josef

Wir erleben in der Kirche das Jahr des heiligen Josef. Es ist März, der Monat, in dem sich unsere Kongregation durch Novene, Fasten und Wallfahrt zum Heiligtum des Schutzpatrons der Familien in Kalisz auf die Feier des Festes des Bräutigams der seligen Jungfrau Maria vorbereitet. Und in diesem Zusammenhang ist in mir der Gedanke gereift, dass ich mit Ihnen teilen möchte, was ich in der jüngsten Vergangenheit erleben durfte.

Als mich die Provinzoberin im Frühjahr 2019 anrief, war ich in der Schule und hatte gerade Pause. In dem Anruf ging es um ein Aufbaustudium, das vom Kinderschutzzentrum an der Ignatianum-Akademie organisiert wird, eine Akademie in Krakau. Ich war überrascht, denn nach mehr als zwanzig Jahren als Katechetin und zahlreichen anderen Pflichten zu Hause, hatte ich eine solche Möglichkeit nicht mehr in Betracht gezogen. Ich dachte, gibt es denn keine jüngeren Schwestern in der Provinz? Und auch der Name des Kurses war nicht ansprechend: Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche! Gleichzeitig spürte ich, dass dieser Wunsch eine Art Herausforderung für mich war. Ich sah eine Kontinuität zwischen der Thematik des vorgeschlagenen Aufbaustudiengangs und meiner bisherigen Bereitschaft, nicht nur Religion, sondern auch Familienerziehung zu unterrichten. Die Provinzoberin sagte auch, dass der Vertreter des Zentrums für Kinderschutz Informationen an die höheren Ordensoberinnen geschickt habe mit der Bitte, Vertreter/innen ihrer Kongregationen zu einer solchen Fortbildung zu entsenden, angesichts des immer mehr zutage tretenden Problems des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. So nahm ich die Herausforderung an. Später stellte sich heraus, dass die meisten Studenten in unserem Programm Menschen mittleren Alters waren. Offensichtlich war eine gewisse Lebenserfahrung notwendig, um die Last der besprochenen Themen zu tragen.

Was hat das mit dem heiligen Josef zu tun? Nun, der Beschützer der Kirche war zuerst der Beschützer des Sohnes Gottes. Er gab Jesus ein Zuhause und das Gefühl der Sicherheit, als er als Kind am verletzlichsten und vielen Gefahren ausgesetzt war. Und als rechtschaffener Mann nahm er Maria an, obwohl es Gottes Eingreifen brauchte, um eine solche Entscheidung zu treffen und Josef auch nicht alles verstand. – Aber: er schützte das Leben, er schützte den Menschen.

Wenn in den Medien immer wieder Berichte über den Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker (und andere Menschen) auftauchen, haben ihre Autoren wahrscheinlich nicht das Wohl der Kirche im Sinn. Wenn man in der Gemeinschaft die Reaktion der Schwestern auf diese Art von Berichterstattung hört, dann reden sie oft von einer Kampagne, dem Kampf oder den Lügen gegen die Kirche. Diese Situation kann man aber auch etwas anders betrachten, da das Problem schon lange besteht und kein Einzelfall ist. Es ist schon in früheren Jahrhunderten aufgetaucht, und in den letzten Jahrzehnten wurden von Papst Johannes Paul II., Benedikt XVI. und jetzt von Papst Franziskus klare Maßnahmen gegen Verbrechen des sechsten Gebotes an Minderjährigen ergriffen. Versuchen wir, in diesen Ereignissen eine Chance zu sehen, von einer klerikalen Kultur, die das Verschweigen von Missbrauch begünstigt, zu einer wahren evangelischen Kultur zu kommen, in der jeder Mensch zählt und mit dem sich Jesus mit den Worten identifiziert: “ Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,  das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Es ist auch die Chance, von einer falsch verstandenen Kultur der Diskretion – die den Täter schützt und das Opfer belastet – zu einer Kultur der Transparenz überzugehen – die ein Gefühl der Sicherheit schafft und die Würde jedes Menschen respektiert. Ein solcher Weg mag schwierig sein, aber er dient der Glaubwürdigkeit der Kirche. Auf diese Weise werden die Worte Christi wahr: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh. 8,32).

Unser Platz in der Kirche ist bei den Schwächsten, bei denen, die in der Welt am wenigsten zählen. So ist es seit den Zeiten des Stifters und der ersten Marienschwestern. Daher ist der Patron unserer Kongregation ein Vorbild für uns, wie wir Kinder, Jugendliche und Frauen vor Gewalt schützen können, nicht nur vor sexueller, sondern auch vor anderen Formen, einschließlich Gewalt im Internet.  Wenn wir den heiligen Josef betrachten, finden wir kein einziges Wort, das er in der Bibel gesagt hat. Auf diese Weise lehrt er uns, zuzuhören. Hören auf Gott und Hören auf den Menschen – aufmerksames, mitfühlendes, unterstützendes Zuhören, das zu konkreter Hilfe für konkrete Menschen führt. Das ist es, was Gewaltopfer brauchen, nämlich ihnen mit Respekt und Verständnis zuzuhören, ohne zu starke Emotionen zu zeigen, und ihnen zu glauben, dass sie die Wahrheit sagen. Sie erwarten Hilfe oder zumindest Rat und Orientierung. Der heilige Josef war als Mensch auch den religiösen und weltlichen Gesetzen seiner Zeit unterworfen. So lernen wir von ihm, die geltenden Gesetze zu respektieren und zu befolgen. Im Bereich des sexuellen Missbrauchs geht es zuerst darum, geschickt auf Hinweise oder sichtbare Anzeichen von Missbrauch bei unseren Klienten und allen, mit denen wir tun haben, zu reagieren. Erst im zweiten Schritt geht es dann darum, geeignete Maßnahmen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Vertretern der kirchlichen und staatlichen Stellen zu ergreifen.

Zu bedenken ist auch, dass sich unter den Tätern und Mittätern von sexuellem Missbrauch auch Frauen, Mütter, Lehrer und Betreuer befinden. Umso wichtiger ist es für uns, transparent zu sein und unser Leben nach den Worten Jesus auszurichten: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.“ (Mt 18,14). Bemühen wir uns um den Schutz der Kinder, denn unser Herr identifiziert sich mit ihnen: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5). Es kommt auch oft vor, dass das Opfer zum Täter wird. Deshalb wollen wir mit unserer Präventionsarbeit dazu beitragen, das Ausmaß des Phänomens allmählich zu verringern, das so viele menschliche Dramen verursacht, über die die Opfer oft erst Jahre später, wenn sie schon erwachsen sind, zu sprechen beginnen, weil vorher Scham und Hilflosigkeit ihren Mund verschlossen haben.

Zum Abschluss meiner Überlegungen möchte ich um das Gebet für die Opfer von Gewalt bitten, insbesondere für die Opfer sexueller Gewalt. Bei meiner Arbeit als Katechetin in vielen Schulen bin ich persönlich vielen Schülern begegnet, die Opfer von sexueller Gewalt in der Familie waren… Solche Wunden brauchen lange Zeit, um zu heilen, manchmal ein Leben lang.  Wenn ich jetzt jeden Tag das Bild des heiligen Josef in unserer Hauskapelle betrachte, bin ich bewegt von der zärtlichen Fürsorge, mit der er den kleinen, hilflosen Jesus in seinen Armen hält. Es ist eine Einladung für mich, mich um diejenigen zu kümmern, denen ich diene, genau wie der Hüter und Pflegevater des Sohnes Gottes.

Sr. M. Michaela

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