Sep 7, 2020 | NACHRICHTEN
“Vertrauen Sie Gott, er hat einen besseren Plan für Sie.”
Ein Telefonanruf mit einer Frage: ” Schwester, könnten Sie in der Einrichtung in Żerniki (Breslau Neukirch) helfen, in der einige Mädchen und Frauen mit dem Virus infiziert sind?” Meine Antwort lautet: “Ja, das tue ich gerne.” Ich kenne das Haus in Żerniki und habe dort mit behinderten Kindern gearbeitet. Die Arbeit an sich hat mich also nicht erschreckt, aber in meinem Kopf hatte ich Gedanken, wie werde ich diese Frauen kennenlernen, ihre Namen erfahren und mich um sie kümmern? Wer wird noch helfen? Wird es weitere Mitarbeiter geben? Trotz dieser Fragen hatte ich Seelenfrieden und die Freude, helfen zu können und darauf zu vertrauen, dass Gott sich um alles kümmern wird.
Viele von uns meinen, es schwer zu haben, wenn sie jeden Tag mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, wir beschweren und beklagen uns, weil wir etwas nicht haben oder dass unsere Vorgesetzten von uns zuviel fordern und erwarten oder in bestimmten Angelegenheiten für uns entscheiden. Manchmal beschweren sich die Leute auch bei mir. So werden jeden Tag aus kleinen Dingen große Probleme und manche Einschränkungen, die das Ordensleben mit sich bringt oder die Vorgesetzten von uns verlangen, sind uns lästig. Die Realität, die ich vorfand, nachdem ich nach Żerniki gekommen war, erlaubte mir, bestimmte Dinge in meinem Leben anders zu betrachten.
Die Menschen, um die ich mich kümmern muss, sind sehr geduldig, ohne viel zu klagen oder sich zu wehren, obwohl ihr Alltag nicht optimistisch ist. Unsere Schützlinge haben wenig Einfluss darauf, wie der Tag verlaufen wird. Sie sind fast vollständig von ihren Betreuern abhängig – jemand muss ihnen beim Anziehen und bei der Toilette helfen, sie müssen gefüttert werden und brauchen Begleitung beim Arztbesuch, die für sie auch sagt, was ihnen wehtut. Die Betreuerinnen und Betreuer wählen für sie aus, was sie essen, welche Schuhe sie tragen und welches Deodorant sie benutzen.
Ich verhehle nicht die Tatsache, dass es manchmal körperlich und emotional schwierig ist. Wir arbeiten 12 Stunden am Tag, in Schutzanzügen, Masken, Schuhschützern, und tun jeden Tag das Gleiche. Routine, Müdigkeit und der innere Kampf, sich nicht zu beklagen. Was gibt uns Kraft? Die Gemeinschaft und gegenseitige Zusammenarbeit, die Gespräche mit den Schwestern, gemeinsame Freuden und bei Schwierigkeiten die gegenseitige Hilfe. Ein Lächeln der zu Betreuenden – wahrhaftig, aufrichtig; ein Blick direkt in die Augen, von einer Person, die nicht sprechen kann, eine Geste des Nickens voller Dankbarkeit, für das gereichte Essen, für die Hilfe im Bad; eine Umarmung, ein Kopf, der auf meiner Schulter ruht, mit den Worten “Schwester, ich mag dich”. – all das kann die wunden Beine und die Müdigkeit, die ganze Anstrengung ausgleichen. Ein anderes Mal kam ein Mädchen nach dem Frühstück und überreichte mir eine Zeichnung mit dem Bild des Barmherzigen Jesus, unter dem sie schrieb: “Jesus ich vertraue auf dich” – mir kamen die Tränen in die Augen. Der Gedanke – Jesus ist bei mir, ich muss vertrauen, er ist hier unter diesen Mädchen, er ist in ihnen, er gibt Kraft.
Eines Tages beim Mittagessen bemerke ich, wie eine der Frauen einer schwächeren Frau, die neben ihr sitzt, die Schüssel hält und ihr beim Suppen essen hilft. Es mag wie eine “kleine Geste” erscheinen, aber mit einem aufmerksamen, einfühlendem Herzen. Von ihnen können wir lernen, sensibel zu sein und die Bedürfnisse der Schwächeren zu erkennen.
Wenn ich nach der Arbeit am nächsten Tages Müdigkeit und Kopfschmerzen verspüre, denke ich an das Mädchen, das mit dem Bild Jesu umhergeht, ihn streichelt, ihn ansieht und mit großer Zärtlichkeit küsst. Das bringt mich dazu, mich zu fragen, wie meine Liebe zu Jesus aussieht.
Wir können uns fragen: Wo ist Gott in all dem? Schließlich sind diese Frauen krank, oft abgeschoben und von anderen abhängig. Nun, Er ist in all diesen Situationen, in den kleinen Gesten, im Lächeln, in den Blicken, der kindlichen Freude, in ihrer Sensibilität.
Es ist nicht immer so, wie wir planen, erfinden oder träumen. Wir können rebellieren, nervös werden, uns beschweren, aber wir können auch nach Sinn suchen, und unsere Lebenspläne ändern, uns an eine neue Situation anpassen, denn alles wird von Gott gelenkt, der besser weiß, was für uns am besten ist.
Die Zeit, die ich zwischen diesen Frauen verbringe, zählt zu den schönsten Momente in den letzten Monaten meines Lebens.
Sr. M. Noemi
Es ist an der Zeit…
Eine Botschaft, ein Gedanke, ein Moment… und eine Entscheidung.
Die Welt der behinderten Menschen hat mich immer begleitet. In der Familie, zu Hause, in der Schule…
Aber noch nie so sehr, bis bei meinem Neffen nach dem ersten Lebensjahr eine Behinderung diagnostiziert wurde. Der Schrei an Gott hallte wider. Der Glaube an Gott wurde auf die Probe gestellt, die Frage nach dem “Sinn” der eigenen Berufung. Welchen Sinn hat das Ordenslebens, wenn Gott… so abwesend ist?
Ich denke, dass das Lächeln, die Freude und die Liebe, die dieses Kind in das Leben unserer Familie brachte, uns nicht erlaubte, weiter zu zweifeln. Ziemlich schnell entdeckte ich in diesem Kind eine “andere, spirituelle Welt” – schön und selbst für mich unzugänglich – einer Ordensfrau.
Die Zeit ist vergangen, und es ist viel passiert. Manchmal war es möglich, meiner Schwester zu helfen, sie und ihren Sohn beim nächsten Kranken-hausaufenthalte zu begleiten. Im Krankenhaus in Wrocław (Breslau) auf der neurologischen Station traf ich einen Jungen mit einem wunderschönen Lächeln und blonden Haaren, der an einer sehr schweren und schmerzhaften Krankheit litt. Alle sagten mir, es sei ein “Schwestern-Kind”. Ich war überrascht und fragte: “Was heißt das?” Es stellte sich heraus, dass es ein Junge aus unserem Haus in Piszkowice (Pischkowitz) war. So eine kleine Kreatur hat mir wieder einmal das Herz gestohlen. Ja, es war auch “mein Kind” – unserer Schwestern, meiner Schwestern aus Piszkowice. Diese kurze Begegnung blieb fest in meinem Herzen.
Als dann im August bei uns wegen des Virus die Bitte um Hilfe kam, war für mich klar, dass ich es wollte, ja sogar musste. Als die Provinzoberin nach der Möglichkeit fragte, in unserem Einrichtung in Żerniki (Breslau-Neukirch) zu helfen, war dies mir aufgrund der Umstände leider nicht sofort möglich …. Und ich dachte: „Oh … in diesem Haus sind es keine Kinder mehr.”
Es fiel mir schwerer als früher, schnell eine Entscheidung zu treffen. Selbst jetzt kann ich nicht ganz erklären, wie es dazu kam, dass ich hierher gekommen bin. Ich schätze, ich habe einfach nicht lange überlegt und nach den Einzelheiten der Arbeit gefragt. Okay. Das mache ich. Das war’s.
Ich habe mich gefreut zu hören, dass andere Schwestern mit mir dort sind. Wir treffen uns gerne in unserer Gruppe. Die ersten Momente unserer gemeinsamen Arbeit – weiße Schutzkleidung, die wir ungeschickt vom Fuß bis zum Hals, Maske und Schutzbrille tragen mussten…, ließen uns den Atem anhalten. Und wie arbeitet man damit…? Wie steht man vor einem kranken Menschen in sochem Anzug…? 12 Stunden Arbeit jeden Tag, auch samstags und sonntags, und das Wissen, dass uns niemand kennt, dass wir in einer fremdem Einrichtung auf uns allein gestellt sind, unbekannte Arbeit, fremde Menschen. Das waren schwierige Momente.
Der erste Tag der Arbeit mit dieser Schutzkleidung dauerte ewig. Aber der erste Abend kam und die Freude, es auszuziehen und die Aussicht auf Ruhe… uff… Diese Freude war nur kurz, aber eine neue Freude kam… Die abendlichen Treffen mit den Schwestern. Wir konnten reden. So viele Gedanken, so viele Dinge. Wir teilten unsere Ängste und Befürchtungen über das, was vor uns lag, und das Wie…? Wie können wir das machen? So viele neue Dinge in der Arbeit mit diesen Frauen. An vieles konnten wir uns nicht erinnern – „Wer schläft wo, ist sie verwirrt oder ruhig …” Eine der Schwestern wirft die Frage ein: „Ist die Pampers M kleiner als L?” Und viele, vieles andere… Aber eines war sicher, die Gebete unserer Schwestern und die Gewissheit der Gegenwart Gottes, denn “Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen” Mt 18,20.
Die nächsten Tage dieser Zeit: Eine Zeit der Begegnung mit Gott selbst. Der Lebendige, der unter uns und in jedem von uns gegenwärtig ist. Gott ist vor allem in unseren kranken Mädchen gegenwärtig. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich mit den Mädchen anfreunde. Dass ich sie umarme, immer stärker und ehrlicher, und dass mir ihr Wohl am Herzen liegt.
Gott ist hier so nahe, zum Greifen nahe. Indem ich jemand das Gesicht wasche, das Abendessen serviere, den Boden wische… Jedes Lächeln und jede Geste dieser Frauen.
“Schwester, ich liebe dich.” – wiederholt Agnieszka, eine Bewohnerin des Hauses hier. Zuerst hörte ich diese Worte im Vorübergehen, dann fühle ich, wie diese Worte in mir leben, wie sie zu den meinen werden… “Ich liebe dich, Agnieszka… Ich liebe euch Mädchen…”
In der Kirche sind sie Sein Herz, ich bin vielleicht ein Arm, ein Bein… aber sie sind der wichtigste und wertvollste Teil Seines Herzens, der das Herz Gottes zerreißt.
Sr. M. Daniela
“Herr, ich liebe das Haus, in dem du wohnst, und den Ort, an dem deine Herrlichkeit wohnt” Psalm 26,8
Dieses Fragment begleitete mich, seit ich meinen ehrenamtlichen Dienst in Żerniki (Breslau-Neukirch) begann. Wir beteten es im Brevier, am Tag unserer Ankunft. Als ich mir die Frauen ansah, die sich hier aufhalten, wusste ich, dass dies der Ort ist, an dem Gott ist. Dies ist sein Haus, und ich kann hier sein.
Die Arbeit hier lehrt mich Respekt vor geistig behinderten, psychisch kranken Frauen. Es gibt Frauen, mit denen der Kontakt begrenzt ist: Sie reden nicht, sie zeigen nicht, was sie denken. Und eine der Schwestern sagt: Sie verstehen sehr viel. Es sind Menschen, die viel Respekt und eine würdige Behandlung verdienen: mit Worten, mit Gesten. Wenn ich unter ihnen bin, sehe ich, wie unsere Freude und Offenheit ihnen gegenüber ihr Vertrauen und ihre Herzlichkeit weckt und wie es hilft, sich um sie zu kümmern und für sie zu sorgen. Als ich sie dem Namen nach kennenlernte, kamen sie mir noch näher. Unser anfängliches Entsetzen: “Ob ich das kann”, war schnell vorbei. Wir sind in den Rhythmus dieses Hauses eingetreten, der von der Pflege der Frauen hier bestimmt wird: füttern, anziehen, waschen. Ich mag das Lächeln dieser Frauen, ihr Lachen, ihre Worte begleiten mich, ich spüre ihre Dankbarkeit, ich sehe, wie gerne sie bei uns sind. Wir begleiten die Frauen in ihrer Freude, Trauer, Angst – in diesen Gefühlen sind wir alle gleich. Diese Frauen brauchen so wenig – Zuneigung und ein offenes Herz, jemanden, der sie freundlich ansieht, sie umarmt, bei ihnen bleibt. Für sie ist die materielle Welt nicht wichtig (obwohl sie, wie viele Frauen, eine hübsche Bluse und Perlen am Hals tragen). Das zeigt mir, was der Mensch vermisst: den anderen Menschen, die Berührung, die wirkliche Gegenwart. Die Erfahrung der Präsenz ist Stärke, Sicherheit, Liebe, sie zeigt sich mir bei diesen Frauen so greifbar. Ich bin nicht nur für sie wichtig, sondern sie sind es auch für mich. Das Zusammensein mit diesen Frauen lehrt mich Sanftmut, Demut in dem, was ist. Wir sind uns ähnlich, wenn wir das Wort “Mutter” mit Zärtlichkeit aussprechen. Viele Frauen, auch solche, die wenig sagen, wiederholen das Wort oft: “Mama.” Es ist so rührend, dass die Mutter für jemanden immer so wichtig ist. Es ist in die Tiefe ihres Herzens geschrieben. Hier begegne ich dem Reichtum ihrer Herzen. Eine der Frauen sagt: “Ich habe keine Mutter, aber ich habe eine Mutter Gottes, die in der Kapelle ist.”
Ich weiß nicht, woher diese Kräfte in mir kommen, es ist eine ganz alltägliche Aufgabe für 12 Stunden am Tag. Ich betrachte es als ein Geschenk. Diese Zeit jetzt ist eine solche Bereicherung für mich.
Ich genieße die Anwesenheit meiner Mitschwestern, mit denen ich hier zusammen sein kann. Ich sehe, wie die Freude des Zusammenseins einer fruchtbaren Arbeit förderlich ist, die Arbeit geht reibungslos vonstatten, und damit haben wir viel Freude. Hier verblassen alle anderen Probleme.
Sr. M. Dominika
Aug 25, 2020 | NACHRICHTEN
Die Pandemie ist schon lange auf der ganzen Welt verbreitet, aber ich hatte gehofft, dass sie uns nicht in Piszkowice (Pischkowitz), diesem friedlichen Dorf im Kłodzko Tal, erreichen würde, und doch hat sie uns nicht vergessen und uns mit ihrer Existenz konfrontiert.
Es begann alles mit der Verschlechterung des Gesundheitszustands unserer Schwester Oberin Lucia. Ich dachte zunächst, dass diese Erkrankung mit ihrer Krebserkrankung und den Metastasen zusammenhängt, von denen wir schon seit langem wussten. Wir wussten auch, dass es dem Ende zugeht, aber niemand von uns hat erwartet, dass es so schnell und im Zusammenhang mit der Covid-Infektion kommen würde. Die Schwestern begannen auch zu erkranken, aber nach dem Arztbesuch beruhigten wir uns ein wenig.
Da sich der Gesundheitszustand der Schwestern trotz der Behandlung nicht verbesserte, beschlossen wir, alle Schwestern zu testen. Wir warteten auf die Ergebnisse wie auf ein Urteil. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass wir alle infiziert waren, bis auf eine ältere Schwester. So mussten wir schnell entscheiden – Isolation, um die Kinder und die anderen Mitarbeiter nicht anzustecken. Die Angst gab uns die Kraft, die Schwestern dazu zu bewegen, in andere Räumen des Hauses umzuziehen. Der Zustand von Schwester Oberin Lucia verschlechterte sich weiter. Sie musste beatmet werden und bekam zusätzliche Medikamente. Seit sie wusste, dass sie positiv war, hatte sie sofort alle Verbindungen hergestellt, um unseren Kindern und Mitarbeitern zu helfen. Man konnte ihr die ganze Zeit die Sorge darüber ansehen, was mit den Kindern, mit uns und den Mitarbeitern geschehen wird.
Die Krankheit schritt weiter voran, und es wurde stündlich schlimmer. Wir konnten sehen, wie sie immer schwächer wurde und konnten nur noch auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen. Es war mir egal, dass ich auch infiziert war, und da ich keine typischen Symptome hatte, war es für mich wichtiger, bei unserer Schwester Lucia zu sein. Die schlimmste Nacht war die Nacht vom 1. auf den 2. August. Ich war bis 1.15 Uhr bei ihr. Dann hat mich Sr. Paula abgelöst, und wir sahen, dass es dem Ende zuging. Unsere Ohnmacht, wie das Leiden und die enorme Atemnot zu lindern… Als ich morgens gegen 6.05 Uhr kam, war Schwester Lucia noch bei Bewusstsein, mit Atemnot, sie fragte, wie lange es noch dauern würde, denn es waren doch schon vier Stunden? Die letzte Bitte: “Ich möchte ins Bett” (Sie saß die ganze Zeit in einem Sessel, weil sie aufgrund der Lungenmetastasen große Atemnot hatte). Gegen 6.55 Uhr, als ich sah, dass es zu Ende ging, ging ich die restlichen Schwestern holen. Sr. Lucia suchte uns mit den Augen, die wir den Rosenkranz zur Göttlichen Barmherzigkeit zu beten begannen, den sie so oft betete. Nach Ende des Gebets ging sie um 7.40 Uhr voller Frieden zum Haus des Vaters.
Dann kam die Ratlosigkeit, der Moment des Zusammenbruchs, die vielen Fragen, was mit den Kindern geschehen wird, wie viele Kinder und Mitarbeiter infiziert sind. Wer wird die Organisation des Ganzen übernehmen, wer wird helfen? Wir können es nicht, wir sind isoliert! Alles, was uns blieb, war ein stilles Gebet für uns alle, denn die Krankheit begann, immer mehr Symptome zu zeigen. Die Antwort kam sofort: Sr. Alma wird aus Świnoujście (Swinemünde) zu uns kommen, sie wird uns helfen. Diese Nachricht der Provinzoberin, die ich den Schwestern sofort mitteilte, gab uns die Hoffnung, dass sie mit der gegebenen Situation zurechtkommen wird.
Nach den positiven Test-Ergebnissen habe ich dann meine Freunde angerufen und sie um ihr Gebete für uns gebeten. Die ganze Zeit über wandte ich mich an den heiligen Josef, den Stifter und unsere verstorbene Sr. Lucia, um Hilfe in unserer schwierigen Lage zu erbitten. Es gab Menschen, die schnell auf unsere Bitte um Hilfe reagierten. Bald kam auch Sr. Vianeja aus Branice (Branitz) zur Hilfe. Gott sei Dank stabilisierte sich die Situation langsam, aber es gab immer noch keine Menschen, die sich um die Kinder kümmerten. Ich konnte nur den Hl. Josef um Hilfe bitten. Wie immer, wurde ich von seiner Fürsprache nicht enttäuscht.
Die nächsten Tage haben wir versucht, gemeinsam zu beten, waren aber körperlich dazu nicht in der Lage. Die Krankheit schritt von Tag zu Tag bei den einzelnen Schwestern in unterschiedlichem Ausmaß voran, es ging ihnen mal besser, mal schlechter.
So war das Einzige, was wir gemeinsam taten, dass wir zumindest eine Zeit lang zusammen waren, nebeneinander saßen und uns gegenseitig unterstützten.
Die Mobilisierung war für mich die kämpferische Haltung von Sr. Lucia, ihr Dienst bis ans Ende ihrer Tage. Trotz meiner Schwäche ging ich zu meinen Mitschwestern, um mit ihnen zusammen zu sein. Hier habe ich verstanden, wie wichtig es ist, außer dem Beten einfach mit den Schwestern zusammen zu sein. Das Gebet ist ein sehr wichtiges Bindeglied, aber das Zusammensein mit den Schwestern, das umeinander wissen, füreinander da sind und sorgen, verstärkt das Bemühen, die Schwierigkeiten der Krankheit zu überwinden. Es hat einige sehr schwierige Momente gegeben, ich habe gebetet, aber das Gebet hat mir keine Kraft gegeben. Aber Gott hat mich schnell wieder verstehen lassem, dass er mit mir war. Ich bekam Nachrichten, die mir weiterhalfen, den Telefonanruf eines Freundes, eines Geistlichen mit dem Hinweis “Preiset den Herrn in jeder Lage…”! Und hier traf mich der Herr neu mit seiner Gnade, so wie ein Vater, der seine Kinder sehr liebt. Von diesem Augenblick an begann ich wieder mein Lieblingsbuch der Psalmen zu lesen, und jeden Tag gab er mir eine Antwort auf meine gegenwärtige Situation (Ps 38,2-4 Ps 46 1-4 Ps 23, 13 Ps 28,1-2 Ps 66, 9-11 Ps 119, 25-27 Ps 134 Ps 111 7,9). Dank Seiner Worte war ich jeden Tag mehr und mehr in der Lage, zu beten und mich meinen Schwestern im Rahmen meiner Kräfte zu widmen. Eine große Unterstützung und Kraft im Kampf gegen diese Krankheit und der gegenseitigen Unterstützung waren auch die Gespräche mit Freunden und Schwestern von anderen Filialen, sowie das Zusammensein mit den Schwestern für eine Weile, sei es in der Stille oder in der Teilnahme an der gemeinsamen Sonntagsmesse durch die Massenmedien.
Seit Beginn der Novene (13. August), die wir beteten, hat der Herr durch die Fürsprache unseres Stifters unser Leben wieder zusammengefügt und uns Kraft gegeben, die Schwierigkeiten des Alltags zu überwinden.
Und schließlich die Worte der verstorbenen Schwester Oberin Lucia, die tief in meinem Herzen hängen geblieben sind: “Ich beende meinen Dienst mit einer Krönung (Corona – Krönung), und Sie beginnen mit einer Krönung.“ In meinen Gebeten bitte ich Sr. Lucia, zusammen mit der Unbefleckten Gottesmutter, unseren Stifter, Sr. Dulcissima und unseren verstorbenen Schwestern, weiterhin über das Werk, das sie aufgebaut hat, zu wachen und alle notwendigen Gaben und Gnaden für uns zu erbitten.
Sr. M. Klara
Aug 25, 2020 | NACHRICHTEN
Religiöse Gelübde drücken aus, was für das Auge unsichtbar ist. Mystische Verlobungen mit Christus werden zu einer Art Hochzeit, bei der die Schwester ihre Berufung im Dienst an Gott und der Kirche und im Streben nach persönlicher Heiligkeit zu erfüllen gelobt.
Es ist in unserer Kongregation bereits eine gute Tradition, dass jedes Jahr im August und September für die Schwestern aus der Region Tansania religiöse Feiern diese Art stattfinden.
Nach angemessener Vorbereitung und Ausbildung legen verschiedene Gruppen von Schwestern die zeitlichen oder ewigen Gelübde ab. Auch in der Kandidatur herrscht große Freude, wenn die nächsten Mädchen ihr Postulat und dann das Noviziat beginnen. Seit zwei Jahren gibt es nun auch schon die Freude der Feier des Silbernen Ordensjubiläums.
Auch in diesem Jahr bereiten wir uns auf diese Veranstaltungen vor, die am 28. August, dem Fest des hl. Augustinus, stattfinden werden. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Bedrohung durch die Corona-Pandemie werden die Feierlichkeiten jedoch einen veränderten organisatorischen Charakter haben. Alle Zeremonien werden in Chikukwe stattfinden. Leider können Eltern, Familie und Freunde nicht anwesend sein.
Fünf junge Frauen werden in diesem Jahr die Kanditatur beginnen.
Vier Postulantinnen werden in das Noviziat eintreten.
Drei Novizinnen werden ihre erste Profess ablegen: Sr. Emilia, Sr. Stephania und Sr. Marcelina.
Die ewige Profess werden vier Junioratsschwestern ablegen: Sr. Regina, Sr. Clelia, Sr. Inocence und Sr. Theodora.
An diesem lang ersehnten Tag wünschen wir unseren Mitschwestern eine tiefe innere Verbindung mit Christus. Als äußeres Zeichen dafür erhalten einige den Ring, andere die Medaille, wieder andere den weißen Schleier, und die Kandidaten tragen dann das Kleid der Postulantinnen. Mögen diese Zeichen sie täglich an Gottes Erwählung und ihre Gelübde erinnern und sie in der Liebe zu Gott wachsen lassen.
Die Keuchheit die wir geloben, erlaubt es uns, Gott in Freiheit zu lieben und allen Menschen zu dienen.
Indem wir uns verpflichten, in Armut zu leben, drücken wir unseren Wunsch aus, an der Armut des Erlösers teilzuhaben, der für uns arm geworden ist, um uns mit seiner Armut zu bereichern.
Schließlich binden wir uns durch das Gehorsamsgelübde freiwillig an den Willen Gott und treten so tiefer in das Geheimnis Christi und seinen Heilsplan ein.
Indem Christus sich selbst im Gehorsam dem Willen des Vaters unterwarf, hat er uns einen Weg gezeigt, Gott zu lieben und zu verherrlichen.
Möge dieser Tag ein Neuanfang für unsere Schwestern sein, bei dem sie eine Entscheidung getroffen haben, die sie niemals zurücknehmen.
Möge unsere Unbefleckte Mutter unsere Schwestern mit ihrer Hilfe begleiten.
Beten wir für unsere tansanischen Schwestern.
Sr. Monika Kowarsz
Aug 23, 2020 | NACHRICHTEN
Die meisten von uns kennen wohl den Brauch, am Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August) Kräuter weihen zu lassen. Er ist besonders in ländlichen Gegenden bis heute üblich. Entwickelt hat sich dieser Brauch aus mehreren Legenden rund um die Gottesmutter. Eine dieser Legenden erzählt, dass die Apostel nach dem Tod Marias ihren Leichnam nicht mehr fanden, sondern an der Stelle des Grabes wuchsen duftende Blumen und Kräuter, die einen intensiven Duft verströmten. Vielleicht will uns diese Legende daran erinnern, dass sich durch das Leben der Christen der Wohlgeruch der Erkenntniss Chisti verbreitet werden soll (2 Kor. 2,14). So wie Maria durch ihr Leben Christus und damit das Heil, das „Heil-werden“ an Leib und Seele zu den Menschen gebracht hat, so soll es auch durch unser Leben geschehen. Die Heilkräuter sind ein Symbol für diese „Heil-werden“.
Auch die Schwestern unseres Konventes im Pflegezenturm St. Hedwig in Cochem haben am Tag der Aufnahme Mariens in den Himmel einen festlichen Gottesdienst gefeiert, bei dem auch Kräuter geweiht wurden.
Weil nur wenige Bewohner wegen der Coronabestimmungen zur Heiligen Messe kommen durften – wurden die geweihten Kräuter anschließend auf den Wohnbereichen verteilt.
Sr. Felicitas
Aug 13, 2020 | NACHRICHTEN
Glückwünsche zum 100. Geburtstag
Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Arbeit unserer Schwestern im Seniorenheim St. Hedwig in Cochem. Der Konvent ist klein und die Schwestern sind meist alt und z.T. selbst pflegebedürftig. Aber sie sind weiterhin bemüht, mitzuhelfen und die Dienste zu tun, die sie noch tun können. Neben ihrer betenden Präsenz mit und für die Bewohner ist ihnen der Kontakt zu den Bewohnern, Mitarbeitern und Besuchern der Einrichtung sehr wichtig.
So besucht die Oberin des Konventes, Schwester M. Felicitas, regelmäßig die Bewohnerinnen und Bewohner im Seniorenzentrum.
Diesmal war es ein ganz besonderer Anlass, denn Frau K. wurde 100 Jahre alt und so hat sie die Glückwünsche zu ihr gebracht.
Frau K. kann zwar nicht mehr das Bett verlassen, aber sie ist sehr dankbar für jeden Besuch und freut sich über die Gespräche. Frau K. ist sehr interessiert an all den Neuigkeiten im Haus und in der Stadt Cochem.
Möge sie weiterhin auf Gottes Hilfe vertrauen und so den Weg bis in die Ewigkeit gehen.
Aug 10, 2020 | NACHRICHTEN
Schwester Lucia
Ich wusste, dass sie gehen würde, dass dies ihre letzten Tage waren. Ich versuchte, mit ihr Schritt zu halten, ihr Sterben zu verstehen und zu begreifen, dass sie nun in dieses gepriesene und erwartete ewige Leben übergehen wird. Die letzten Worte von Schwester Lucia, die sie durchs Telefon flüsterte: Liebes, ich danke Ihnen für alles, für jeden Tag, den Sie mit mir verbracht haben. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie unwissentlich beleidigt habe, und sei es nur in Gedanken.
Das war Sr. Lucia. Sie hat nie an sich selbst gedacht. Diese fast zehn Jahre der Freundschaft und Zusammenarbeit mit ihr waren für mich eine ständige Lernerfahrung. Schwierige Fragen und noch schwierigere Antworten. Meine Rebellion gegen soziale Ungerechtigkeit und menschliche Böswilligkeit prallte auf Sr. Lucia, die “die andere Wange hinhielt”. Meinem Ärger über die Menschen, die mir weh taten und meinem Wunsch nach Rache hielt sie geduldig entgegen: “Betet für sie, bittet um die Gnade, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, damit sie aufhören, Böses zu tun.” Mit der Zeit wurde ich ein anderer Mensch. Geduldiger. Bevor ich die anderen kritisierte, hinterfragte ich die Dinge. Das ist mühsam und tut oft weh. Immer mehr Fragen und immer weniger Antworten, das tut immer mehr weh. Fast neun Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Sr. Lucia zu mir kam und mich verschämt um Hilfe bat. Sie, die Heilige Lucia (so sprach man damals über sie), stand vor mir im verschwitzten Habit, ausgetretenen Sandalen und drückte eine alte Tasche an sich – sie hatte ihr ganzes Büro immer dabei, mit Briefmarken, einem Notizbuch, einem alten Handy, und sie versuchte, mir die Gründe und Ursachen ihrer Not zu erklären. Ich betrachtete diese seltsame Gestalt voller Zorn. Ich hörte mir die Geschichte an, ich, arrogant und schnauzend, war über alles wütend, hatte fertige Lösungen und klare Antworten auf jede Frage.
Ich werde dieser Schwester das Geld nicht geben, weil ich es selbst nicht habe, aber ich werde arbeiten, bis wir dieses System in Ordnung gebracht haben – habe ich erklärt. Damals wusste ich noch nicht, dass ich das System selbst reparieren musste. Es war schwer. So viele Tränen von Sr. Lucia waren nicht zu übersehen. Selbst der „Himmlische Hochwasserdienst hat wohl über diese Fülle an Tränen Alarm geschlagen” und die Probleme mit der Regierung hörten wie durch ein Wunder auf. Sr. Lucia lehrte mich Demut und ich lehrte sie Mut. Manchmal habe ich bei Gesprächen an Regierungstischen, wenn die Atmosphäre den Siedepunkt erreichte, Sr. Lucia heimlich in den Knöchel getreten, damit sie beten geht. Sie stand dann hinter einer Tür, die nicht verschlossen war, und während sie über ihrem Rosenkranz einnickte, hoffte sie auf Gottes Hilfe, dass vielleicht irgendein Wunder geschehen würde. Mit der Zeit wurden wir ein sehr merkwürdiges Paar: Sie, groß, angespannt, ging mit forschem Schritt, und ich, klein und zitternd, beide grau, gingen zusammen wie ein Paar alter Pferde eingespannt vor einer Kutsche. Wir waren überall. Freunde äußerten manchmal scherzhaft, dass sie Angst hätten, den Kühlschrank zu öffnen, weil Frau Szczepanowska und Sr. Lucia vielleicht auch dort heraus kommen könnten.
Sr. Lucia hatte am Anfang Angst vor dem Mikrofon und der Kamera. Sie mochte die Aufnahmen nicht, es war ihr peinlich, über ihre Arbeit und die Probleme zu sprechen. Doch es gab keinen anderen Weg. So willigte sie schließlich ein, diese Kameras und Mikrofone zu benutzen, weil sie notwendig waren, um die sozialen Problem aufzuzeigen, den Mangel an staatlicher Fürsorge für verlassene Kinder mit geistigen Behinderungen aufzudecken und dann diesen Mangel im System zu beheben. Sie liebte die Journalisten, sie schloss tiefe Freundschaften, sehr persönliche und familiäre. Für jeden von ihnen gab es einen Platz zum Schlafen und einen Teller Suppe. Sie waren dankbar für den Respekt ihrer Privatsphäre und ihrer journalistischen Integrität. Sr Lucia kannte jeden. Buchstäblich jeden. Überall. Sie hatte ein sehr zerfleddertes Notizbuch mit Telefonnummern. Sie öffnete es, wann immer sie es brauchte. Nicht für sich selbst. “Barmherzigkeit soll still sein”, sagte sie immer, wenn sie mir einen Zettel in die Hand drückte und mir ein kleines Mädchen zeigte, das in einem Mülleimer wühlte. Sagen Sie nicht, dass er von mir ist, sondern geben Sie ihn ihr diskret, damit ihn niemand sehen kann. Oder: Henia, schau dir den kleinen Kerl an, wie er die Straße entlang läuft. Früher war er jemand, er hatte Geld, eine Stellung, er war Arzt. Denken Sie an ihn, er trinkt nicht mehr, aber manchmal braucht er ein paar Zloty. Ich habe für eine Schüssel Suppe gearbeitet, denn ohne Belohnung zu arbeiten, ist eine Sünde”, pflegte sie zu sagen. Ich bekam regelmäßig ein warmes Abendessen, eine saubere Serviette und zwei Portionen Mittagessen. Schwester, ich werde das nicht essen, ich brauche nicht so viel, ich habe protestiert. Teilen Sie es mit den anderen, sehen Sie, wie viele arme Menschen auf den Straßen sind – sie hatte immer eine Antwort parat. Wir wussten beide, dass ihre Krankheit fortschreitet, Schwäche und unvorstellbare Schmerzen wurden zu ihrem ständigen Begleiter. Bis zum Schluss übermittelte sie mir eine Art Testament, wies auf Menschen hin, vertraute sie mir an, bat mich um ihr Andenken. Bis zum Schluss gab sie mir auch einen Spruch mit auf den Weg: Eine Ordensfrau muss ein Mensch sein, denn sonst kann man auch einen Habit an einen Pflock hängen, nur dass der Pflock, weil er einen Habit trägt, nicht zur Ordensfrau wird.
Henryka Szczepanowska